ingehannemann

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Erlebnis im Jobcenter – Willkür?

Bundesagentur für Arbeit Bild: privat

Bundesagentur für Arbeit Bild: privat

Lassen wir es einen beliebigen Tag unter der Woche sein. Und irgendwo eine Stadt im Norden, welche ich Schönefeld / Holstenbek nenne. Ein paar Kilometer weiter befindet sich das Jobcenter in der Stadt Pinnasberg. Und mitten in Schönefeld / Holstenbek lebt eine junge alleinerziehende Mutter mit ihrem vor kurzem geborenen Sohn. Nichts Ungewöhnliches. Waren allein im Sommer 2012 rund 626 000 Alleinerziehende in Deutschland von Hartz-IV abhängig. Allein diese Meldung verbirgt nichts brisantes Neues und erschreckt niemanden. Über das hohe Armutsrisiko sowie der bereits bestehenden erhöhten Armut unter den Alleinerziehenden brauche ich auch nichts weiter zu schreiben. Auch Bekanntes. Nur wozu dieser Eintrag?

Erlebt, reagiert und erschreckt vor so viel Hochmut

Die bereits benannte junge Mutter lebt seit rund fünf Monaten in der nordischen Kleinstadtidylle. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung in mittelständischer Gegend. Keine Hochhaussiedlung, aber auch nichts Besonderes. Die Miete wurde bis dato pünktlich durch das Jobcenter in Pinnasberg an die Vermieterin überwiesen. Die junge Mutter erhält Elterngeld, Unterhalt vom Kindsvater, Kindergeld und eine Restzahlung durch das Amt. Und die junge Mutter kann eines: sie kann gut mit ihrem zur Verfügung stehenden Geld hauswirtschaften. Keine Schulden. Aber sie kann noch mehr: sich rührend um ihren kleinen Sohn kümmern. Das Lachen des Sohnes kann ohne weiteres Konkurrenz mit dem Zwieback-Lachen aufnehmen. Ein fröhlicher und offener kleiner Mann. Soweit alles gut.

Es folgt der Oktober. Das Jobcenter überweist mit einem Mal keine Miete für Oktober. Ebenso erhält die junge Mutter kein Geld zum Leben. Zuvor erhält die Kundin ein Schreiben zur Beantragung eines Unterhaltsvorschusses beim zuständigen Jugendamt. Dieses hat sie bereits erledigt. Jugendamt möchte jedoch zunächst die Vaterschaft klären. Vaterschaftstest und so. Das ist am Laufen. Dadurch erhält die junge Mutter bis dato keinen Unterhaltsvorschuss. Auch dieses weist sie dem Jobcenter nach und legt eine schriftliche Erklärung der Unterhaltszahlungen durch den Vater vor. Das reicht dem Jobcenter jedoch nicht aus und zahlt erst mal keine Leistungen. Aber zum Glück erhält sie um den 10. sowie Mitte Monat das Eltern- und Kindergeld. Nach wiederholtem Besuch des Jobcenters erhält sie noch ein wenig Bargeld. Die Ernährung des Lütten ist gesichert. Für die Miete jedoch nicht ausreichend. Und Mitte Monat, bis zum Erhalt des Eltern- und Kindergeldes ist in diesem Moment noch weit hin.

Verbale Beschimpfungen, Bedrohungen und weitere „Nettigkeiten“ auf dem Anrufbeantworter

Was geschieht parallel mit der Vermieterin? Die Vermieterin startet zu Beginn des Monats mit Telefonterror. Verbale Beschimpfungen, Drohungen und Abwertendes ist ein Vokabular, welches die Mieterin perfekt beherrscht. Die junge Mutter versucht die Lage zu erklären. Unterstützung erfährt sie durch ihre Mutter sowie durch eine Mitarbeiterin eines anderen Jobcenters. Nüchternes Ergebnis: eine Kommunikation mit der Vermieterin gestaltet sich sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Auch hier folgen Beschimpfungen, pauschale Degradierungen von Hartz-IV-Empfängern sowie weitere Bedrohungen auf dem Anrufbeantworter der Mutter.

Standard und Routine: Chronische Unterbesetzung in den Jobcentern

Ein Anruf beim Jobcenter ergibt, dass diese in der Leistung chronisch unterbesetzt sind und rund 200 Fälle aufarbeiten müssen. Mit Wartezeit ist also zu rechnen. Weiterhin liegt die Akte, wegen der zuvor geleisteten Barauszahlung an einer anderen Stelle. Ist dieses dort bearbeitet, wird sie erneut an die zuständige Sachbearbeitung geleitet. Dort landet sie auf dem Stapel der zu bearbeitenden Fälle und wird entsprechend der Reihenfolge abgearbeitet. Weiterhin wird im Telefonat darauf hingewiesen, dass die Kundin bei der letzten Vorsprache wegen des fehlenden Geldes verbal auffällig wurde. Kein Pluspunkt für die Kundin. Und dadurch keine bevorzugte schnellere Bearbeitung der Akte. Die zu diesem Zeitpunkt aufgebrachte junge Mutter ging jedoch einen Tag später erneut ins Jobcenter und entschuldigte sich persönlich für ihre Äußerungen bei der betroffenen Person. Und überhaupt: Die Vermieterin kann ja nicht einfach fristlos kündigen – hier müssen schon zwei aufeinanderfolgende Monatsmieten fehlen. Sie möge sich doch noch gedulden, so Aussagen durch das Amt.

Fazit:

Die Akte „schimmelt“ nun vor sich hin. Das Jobcenter ist unterbesetzt – in Deutschland leider keine Seltenheit. Die Vermieterin droht weiter und wünscht sich die Hartz-IV-Bezieher dorthin, wo „diese Menschen“ nun mal wohnen. Die junge Mutter hat sich nun Geld geliehen und dieses mit einem Zeugen der Vermieterin persönlich übergeben.

Ich kritisiere hier die ständige Unterbesetzung der Jobcenter, auf Kosten der Kunden, in der Leistung. Ich kritisiere hier die feindlichen pauschalierten Aussagen einer jungen Vermieterin, ebenfalls mit Kind, gegen Hartz-IV-Empfänger.

Mir ist bewusst, dass die Sachbearbeiter – insbesondere in der Leistung – eines Jobcenters oftmals mit ihrer Arbeit nicht hinterherkommen. Mir ist auch bewusst, dass Vermieter – insbesondere wenn das Eigentum auf volle Darlehensbasis läuft – ihr Geld benötigen.

Mir ist aber nicht bewusst, warum es immer wieder Menschen gibt, welche nicht differenzieren können. Welche vielleicht ihre eigene Unzufriedenheit oder was immer es sein mag, an Schwächere auslassen. An Menschen, die sowieso schon mit dem Makel Alleinerziehend und Hartz-IV leben müssen. Und so etwas bezeichne ich als Willkür. Und genau diese Willkür schürt die Aggression in den Jobcentern. Und dieses werde ich auch nicht weiter ausführen.

Bild: Bundesagentur für Arbeit (www.arbeitsagentur.de/Presse)

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Ein Kommentar zu “Erlebnis im Jobcenter – Willkür?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Januar 2013 von in Jobcenter und getaggt mit , .
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