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Was ist Borderline-Syndrom?

Borderline-Syndrom – Ein Versuch der Stigmatisierung stückchenweise entgegenzuwirken

Borderline-Syndrom – Begriffserklärung

Borderline kommt aus dem Englischen und heißt soviel wie Grenzland oder Grenzlinie. Zunächst wurde darunter verstanden, dass die Borderline-Störung „ein Grenzfall zwischen Neurose und Psychose“ sei. Ein typisches Merkmal dieser Störung ist der ständige Wechsel zwischen Gefühlen und dem Verhalten. Eine dauerhafte Stabilität im eigenen Erleben und den Bezug zur Außenwelt fehlt.

Heute ist bekannt, dass es sich bei dem Borderline-Syndrom um eine eigenständige Erkrankung handelt, welche Züge verschiedener anderen Erkrankungen in sich tragen. Vor rund 25 Jahren wurde diese psychische Erkrankung in die psychiatrischen Klassifikationssysteme aufgenommen.

Nach einer Schätzung leiden etwas ein bis zwei Prozent der Bevölkerung darunter. Davon sind ca. 2/3 Frauen betroffen.

Durch Zusammentragung von Erfahrungsberichten und Auswertungen dieser, wird angenommen, dass Betroffene häufig Missbrauchserfahrungen in der frühen Kindheit erlebt haben.

Die häufigen Irrtümer

Immer wieder wird von bestimmten Regeln betreffend der Borderline-Störung ausgegangen, wobei es hier dann zu einer Stigmatisierung der Betroffenen führt.

Ich nenne sie Irrtümer:

  • Alle Borderliner sind gleich. Sie verhalten sich ähnlich gestört.
  • Einmal Borderliner – immer Borderliner
  • Alle Borderliner haben in der Kindheit ein Trauma erlebt, insbesondere ein sexuelles
  • Die Störung liegt in einer gestörten Familienkonstellation
  • Es ist nicht möglich mit Borderliner über ihre Erkrankung zu reden
  • Das Einsetzen von Medikamenten hat keinen Sinn
  • Ebenso hilft auch keine Psychotherapie
  • Borderliner können nicht berufstätig sein
  • Und sie können für ihr Tun und Handeln nicht verantwortlich gemacht werden
  • Alle Borderliner verletzen sich selbst (Ritzen, Drogen, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, risikoreiches Verhalten, wie auf Brückengeländer marschieren)

Genau diese Irrtümer führen bei vielen Borderlinern dazu, dass sie sich stigmatisiert fühlen und somit ausgegrenzt oder pathologisiert. Gerne entsteht damit, die Etikettierung als „nicht normal“ angesehen zu werden. Die Gefahr eines sozialen Abseits kann entstehen.

Symptome und Diagnose des Borderline-Syndroms nach DSM und ICD

Nach DSM IV (301.83) und dem ICD 10 Schlüssel müssen bestimmte Kriterien für eine feststehende Diagnose erfüllt sein. Nach dem DSM sind dies 5 von 9 Punkten:

  • Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenswerden zu vermeiden.
  • Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
  • Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
  • Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle).
  • Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder Drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
  • Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmung gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).
  • Chronische Gefühle von Leere.
  • Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
  • Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

Beim ICD 10 wird das Borderline Syndrom zu den emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen eingeordnet. Dazu gehören folgende Symptome:

  • Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung.
  • Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren.
  • Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden.
  • Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen,
  • durch ein chronisches Gefühl von Leere,
  • durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit
  • parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.

Die Diagnose der Borderline Störung wird häufig erst nach Jahren gestellt. Zuvor wurden die Betroffenen häufig damit konfrontiert, dass sie eine Depression oder eine Bipolare Störung haben (früher auch manisch-depressiv genannt). Der Unterschied besteht darin, dass bei einer bipolaren Störung diese häufig mehrere Wochen anhalten im Gegensatz zu Borderline. Hier sind die Phasen der Stimmungsschwankung sehr viel kürzer. Diese können innerhalb von Sekunden entstehen.

Sehr schnell entsteht auch die Diagnose einer posttraumatischen Störung oder einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Fragt man Betroffene, so sind vielerlei Diagnosen zuvor erstellt worden, bis der Begriff Borderline feststand.

Der Beginn des Borderlinesyndroms 

Diese Erkrankung beginnt häufig im Jugendalter oder in der frühen Erwachsenzeit. Hier ist jedoch anzumerken, dass eine Persönlichkeitsstörung erst ab 18 Jahren diagnostiziert wird. Im Alter zwischen 30 und 40 Jahren können die Symptome geringer ausgeprägt sein.

Da die Emotionsregelierung bei dieser Erkrankung sehr schwer für den Betroffenen einzugruppieren ist, liegt die Suizidalität noch bei rund 10% der Betroffenen.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass der/die Erkrankte innerhalb von Sekunden eine innere Anspannung von 0 auf 100 erleben kann, dieses überfordert ihn/sie und Kurzschlusshandlungen folgen.

Die innere Anspannung 

Anspannung – Gefühlsregulierung 

Gerne spricht man von einer Störung in der Emotionsregulierung. Für den Betroffenen bedeutet dieses, dass seine Gefühle und Gedanken nicht mehr für ihn steuerbar sind. So kann es sein, dass der Partner hochgelobt und geliebt wird und im gleichen Moment wird er gehasst. Der Betroffene merkt dieses und kann nicht entgegensteuern. Nun ist alles zuvor Hochjubelnde nur noch abwertend. Von daher wird auch häufig von einem Schwarz-Weiß Denken gesprochen (Grenzlinie). Der Partner wird nun mit aller Gewalt bewertet und vor allem abgewertet. Das macht (kann) eine eventuelle Partnerschaft sehr schwierig gestalten. Der Betroffene Borderliner merkt es oder auch nicht und zieht seine Konsequenzen. Dieses kann bis zu einer plötzlichen Aussage kommen, dass er den Partner verlässt. Gleichzeitig hat der Boderliner jedoch auch extreme Angst vor dem Alleinsein und dreht nun dieses zum Nachteil des Partners um. Dieses geschieht dann häufig mit Suiziddrohungen. „Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um“. Dabei hat der Partner bei Weitem nicht daran gedacht, ihn/sie zu verlassen.

Mit diesem Beispiel kommt klar heraus, wie eine Denkstruktur aufgrund eines nicht zuordnungsbaren Gefühls durch den Erkrankten gesteuert wird.

Ein Borderliner hat durchaus die Chancen mit seiner Erkrankung zu leben und zu lernen damit für sich und seiner Umwelt umzugehen. Umzugehen in dem Sinne, dass der Borderliner immer wieder an sich zu arbeiten hat.

Arbeit bedeutet die Erkrankung für sich zu erkennen, anzunehmen, Therapie einzufordern, Emotionsregulierung (Emotionssurfing) einzuschätzen und anzuwenden und die entsprechenden Hilfsmittel einzusetzen. Skills zu finden, um Anspannung in den verschiedenen Levels zu reduzieren und sich zu sagen, dass er in diesem Moment ein Gefühl hat, jedoch er nicht das Gefühl ist. Ebenso sollte der Borderliner lernen für sein Verhalten die Verantwortung zu übernehmen und zu erkennen, ob sein Verhalten in diesem Moment eine dysfunktionale Funktion hat. Ist das Ritzen, der extreme Sport, das Nichtessen, das übermäßige Essen, die erhöhte Einnahme von Medikamenten oder Drogen angemessen? Schädige ich mich auf langer Sicht damit selbst. Dann ist es dysfunktional und auf Dauer schädigend.

 

Der Notfallkoffer – Skills

 

Jeder Borderliner solle einen sogenannten Notfallkoffer für sich parat haben. Ein Notfallkoffer, welche Skills beinhalten, um eine plötzlich aufkommende Emotionssteigerung entgegenzusteuern. Und zwar bevor die Emotionen bei 70 sind. Das können Bilder sein, ein Heft mit Kreuzworträtsel, Steine, etwas zum Riechen, zum Fühlen, zum Schmecken, mutmachende Sprüche, Gummibänder.

Er kann sehr vielfältig sein und sollte aus Komponenten bestehen, welche zuvor vom Betroffenen getestet wurden, ob sie bei Anspannung – je nach Grad – hilfreich sind.

 

Fazit 

Es gibt unzählige Arten / Facetten und Ausprägungen von Borderline Störungen. Vermutlich so viele, wie es auch unterschiedliche Charaktere gibt. Ein Borderliner ist nicht gleich ein Borderliner, wie es häufig beschrieben wird. Das Borderline Syndrom hat sehr viele Facetten und Ausprägungen. Nicht jeder Borderliner ritzt oder verbrennt sich. Nicht jeder Borderliner lebt alleine – auch hier sind Beziehungen und Heirat möglich. Auch eine Familiengründung ist durchaus denkbar und kann harmonisch verlaufen.

Mein Ziel mit diesem Bericht ist die Aufmerksamkeit darauf zu legen, dass die Erkrankung Borderline sehr häufig früh beginnt, spät erkannt wird und auch mit dem älter werden, sich abschwächt. Ich weiß nicht, ob sie wirklich heilbar ist (Aussagen gibt es in dieser Richtung vielfach). Mir ist aber bekannt, dass es durchaus möglich ist, mit einem Borderliner zu leben und das Leben auch beiderseits zu genießen. Durch meine Arbeit habe ich fast täglich mit Borderliner zu tun. Es sind für mich Menschen mit einem sehr hohen Anteil an Kreativität und hoher Intelligenz. Auch hier läuft in Hamburg eine Erforschung, inwieweit eine Hochbegabung Borderline unterstützend sein kann. Die bisherigen Ergebnisse weisen daraufhin, dass Hochbegabte prozentual eine erhöhte Borderlinerate aufweisen.

Borderliner sind häufig auch hochsensible Menschen, mit einer hohen Empathie und empfindlichen Sensoren, für das Fühlen, die Mimik und Gestik seines Gegenübers.

Es gibt alle Facetten dieser Erkrankung – und nicht alle Borderline sind Schreckgespenster. Hier muss die Stigmatisierung aufhören und ich sage dieses bewusst, da meine Kunden sich immer wieder damit auseinandersetzen müssen. Das fängt damit an, dass sie eine nachweislich erhöhte Absage bei dem Versuch für eine ambulante Psychotherapie zu beginnen erhalten. Auch die Psychotherapeuten haben Angst. Und das ist traurig.

Die Borderline Störung, fasse ich es mal in Zahlen zusammen, kann bei 10% anfangen und hört im Extremfall bei 100% auf – aber das sind in meinen Augen und nach meiner Erfahrung nicht mal 2%.

Ich mag diese Menschen, auch wenn ich meinerseits mich innerhalb von Sekunden auf diese einstellen muss und ihren schnell wechselnden Gefühlsregulierungen. Es ist spannend und mir wird nie langweilig. Die Kreativität lässt grüßen. Und ich finde es beachtenswert, wenn ein Mensch mit dieser Erkrankung darum kämpft, mit dieser umzugehen. Darum kämpft die immer wiederkehrende Depression in den Griff zu bekommen. Die Leere aushält, die Anspannungen aushält und trotzdem versucht, damit zu leben, zu arbeiten und ein für sich normales Leben zu führen. Das ist eine sehr anstrengende Arbeit als Betroffener und mutig dazu. Und dieses sollte ohne Stigmatisierung vonseiten Gesunder ebenso gesehen werden.

Das Wetter ist ja auch nicht immer nur Wetter – mal scheint die Sonne, dann ist es warm, dann wieder kalt, es kann regnen oder schneien usw.

 

Urheberrecht:Inge Hannemann; Quelle: DGVT

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Ein Kommentar zu “Was ist Borderline-Syndrom?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Januar 2013 von in Psychologie und getaggt mit , , , .
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